Nach dem wir den Kanal zurück motort hatten ging es nun Richtung Odessa in die Ukraine. Um die vor uns liegenden 120 sm zu bewerkstelligen hofften wir auf genügend Wind aus der richtigen Richtung. Der Anfang war natürlich recht flau, mittags drehte der Wind auf E und blies mit 3/4 Bft., zum Abend legte er dann kräftig zu, so daß wir jetzt mit 9 bis 10 Knoten bei den 7/8 Bft. recht schnell vorankamen. Der Seegang erschwerte die letzten 20 sm doch etwas, wir legten unseren Kurs sehr nahe an die Küste, zu nahe fürs Militär. Unter Land machten wir wieder sehr gute Fahrt und konnten um 08:00 in den Hafen Odessa einsteuern.
Der Odessa-Yachtclub hat einen eigenen gut ausgebauten Yachthafen im großen Industriehafen mit allen Versorgungsmöglichkeiten. Die einzelnen Liegeplätze wurden bei der Rallyeplanung schon vergeben. Jede Yacht hatte einen Liegeplatzplan und konnte somit ohne großes Suchen schnell festmachen. Die Einklarierung funktionierte auch reibungslos, in kurzer Zeit hatten alle Yachtis einen weiteren Stempel im Paß. Mit Folkloretänzen und einer Musikkapelle wurde der Cocktailempfang vor dem Yachthafen umrahmt. Zu späterer Stunde ging es in die Oper von Odessa, sie wird als die Schönste der Welt bezeichnet. An vielen Orten in der interessanten Stadt wäre man gerne noch ein paar Minuten länger geblieben, doch die Zeit drängte.
Der Samstag war voll verplant mit einer 8 stündigen Bustour durch die Kornkammer der ehemaligen UdSSR nach Kiev. Dort angekommen wurde im Hotel erst mal Quartier bezogen bevor es wieder auf Citytour ging. Der Abend startete mit einem Dinner und endete nach dem anschließendem Barbesuch recht spät . Beim Frühstück gab es die tollsten Geschichten zu hören "Einer hatte ein Mikrofon hinter der Tapete aus seiner Schlafzimmerwand gekratzt, der Andere wurde Nachts von den Hotelgirls über sein Zimmertelefon angesprochen usw....." so daß wir noch lange Gesprächsstoff hatten. Wo geht man am Sonntag hin, natürlich in die Kirche und davon hat es in Kiev jede Menge. Nach dem wir uns die Füße fast platt gelaufen hatten, von der weltberühmten Oper bis ...., alles gesehen, ging es per Bus wieder zurück nach Odessa. Müde vielen wir in unseren eigenen Kojen.
Rallyesegeln soll keine Erholung sein!
Pünktlich um 02:00 Uhr ging es weiter nach Nikolaev. Ein großer Teil der 90 sm mußte unter Maschine zurückgelegt werden. An der Flußmündung des Dnjeper versammelten wir uns und segelten, motorten begleitet von zwei Lotsenbooten flußaufwärts. Der Wind trieb uns mit bis zu 6 Bft. recht gut voran, das Konvoifahren bereitete aber vielen Seglern erhebliche Schwierigkeiten. Die Lotsen hatten ihre Mühe den wilden Haufen von Seglern unter Kontrolle zu halten. Um 19:20 Uhr passierten wir die mit hunderten von Sehleuten besetzte Drehbrücke vor Nikolav. Die Brücke wurde seit 17 Jahren nicht mehr geöffnet, für die Kayra 99 wurde das Wunder nochmals vollbracht. Als Anlegesteg verwendeten die Empfangsorganisatoren ausgediente Landungsbrücken. In diesem kleinen Unistädtchen hatten wir den größten Empfang der ganzen Rallye, Schulen und Behörden haben für dieses Segelspektakel frei bekommen. Nach dem alle Yachten mehr oder weniger gut im Päckchen festgemacht hatten, gab es wieder einmal eine Cocktailparty, doch diesmal war die ganze Stadt dabei. Abends wurde eine große Musikshow mit auf Großleinwand vorgeführten Bilder der Rallyeankunft aus dem Hubschrauber aufgenommen, vorgeführt. Die Nacht und die Folgenden hatten kein Ende, der Morgen war zu schön um wahr zu sein. Dienstags gab es eine Besichtigungstour nach Olvia, in die 600 vor Christi erbaute Stadt. Die größte Schiffswerft der UdSSR und das Maritimmuseum wurden besichtigt. Zum Dinner waren wir eingeladen vom seit 110 Jahre bestehenden Nikolaev Sport Club. Als Sponsor fungierte in der Ukraine auch die Firma ORAL-B. Für Nachtschwärmer gibt es einen amerikanischen Musikclub mit Lifemusik, er wird von einem jungen Amerikaner und seiner noch jüngeren ukrainischen Frau betrieben. In der Ukraine wurden jeder teilnehmende Yacht junge Hostessen mit sehr guten englischen Sprachkenntnissen zugeteilt. Unsere Hosteß hatte gerade ihr Staatsexamen in Elektrotechnik abgelegt und war auf der Suche nach einem dementsprechenden Arbeitgeber. Die Schiffsindustrie liegt seit der Auflösung der UdSSR nahezu brach. Einzelne Schiffsbauingenieure haben sich im Yachtbau selbständig gemacht, somit war es auch kein Problem irgendwelche Teile aus Stahl oder Kunststoff sehr schnell und sehr preisgünstig herstellen zu lassen.
Traurigen Herzens nahmen wir von den mit uns feiernden Menschen von Nikolaev abschied, die Massen versammelten sich am Fluß, auf der Brücke, auf den am Fluß liegenden Straßen, winkten uns zu und brannten Feuerwerke mit Musikbegleitung ab. Für viele Rallyeteilnehmer, besonders Frauen und einige Männer war das ein so überwältigender Eindruck daß sie sich der Tränen nicht erwehren konnten.
Die Fahrt mit der Strömung und vor allem der herrliche Wind von der Seite schob uns die 66 sm bis zum Flußdelta in rekordverdächtiger Zeit.
Nach Sevastopol sind es 220 sm, der Wind aus S bis SW mit 3/4 Bft. hatte es uns ermöglichen, daß wir am Samstag den 24.07.99 im Laufe des Abends in Ushakova Balka einlaufen konnten. Der Bürgermeister und eine Abordnung der Sportclubs mit Musikbegleitung waren zum Empfangscocktail erschienen. Die neuen Begleiterinnen wurden wieder zugeteilt, diesmal bekamen wir gleich zwei junge Damen. Der nächste Tag war mit Citytour, Panorama Battle of Sevastopol, historische Stadt Khersonesus, Museums-, Kaffeehaus- und Marktbesuch ausgefüllt.
Die in Sevastopol liegende Russische Schwarzmeerflotte zeigte uns am Sonntag eine gigantische Marineparade. Abends waren
Kulturveranstaltungen aller Art zu sehen, so z.B. der Russische Schwarzmeerchor gab eine Vorstellung und viele andere, im Westen völlig unbekannte Künstler. Hier wurde uns erstmals richtig bewußt vorgeführt, wieviel Wodka in einen russischen Offizier hinein paßt.
Am Montag zu früher Stunde starteten wir in den nur 25 sm entfernten Hafen Balaklava. Es war bis vor kurzem niemandem erlaubt diesen hoch geheimen, größten U-Bootstützpunkt der ehemaligen UdSSR zu besichtigen. Wir waren die ersten ausländischen Schiffe in diesem von der Natur gut getarnten Hafen. Unsere beiden lieben Hostessen durften den Törn mitsegeln. Die U-Boote wurden in bis zu 5 km langen in den Berg getriebenen Tunnels versteckt. Die Einfahrtstore sind mit Steinplatten verleidet und konnten wasserdicht abgeschottet werden, so daß die Schiffe nach dem das Wasser ausgepumpt wurde im trockenen lagen. Dienstags gab es noch 120 Liter Diesel per Kanister und dann der Start zur nächsten Etappe.Um 08:00 Uhr verließen wir den Hafen Balaklava. Die 50 sm entfernte Hafenstadt Yalta war unser
nächstes Ziel. Der Wind hatte es diesmal zu gut gemeint, er blies mit 7 Bft. aus Westen, der Seegang dementsprechend hoch. Die kleineren Yachten hatten schon einige Probleme denn die Seegangsverhältnisse im Schwarzen Meer sind für ihre sehr kurze und steile Art bekannt. Doch bis um 20:00 Uhr hatten es bis auf 3 Yachten alle geschafft, zwei Yachten liefen im Laufe der Nacht ein, die Letzte kam im Morgengrauen. Auch hier gab es keinerlei Probleme beim Einklarieren, alles lief schnell und präzise ab. Der Empfang war nicht mehr ganz so bombastisch wie in Nikolaev, aber auch recht freundlich und nett. Am nächsten Tag ging es zu dem bekannten Swallow Nest, die Burg auf einer Klippe hoch über dem Meer. Yalta selbst ist eine architektonisch interessante Stadt mit einem wunderbarem Museum. Das abendliche Dinner nahmen wir im Yalta Sportclub ein.
Der Weg nach Feodosia war wieder mal etwas länger, für die 70 sm bei SE 3/4 Bft. benötigten wir 11 Stunden. Nach einem kleinen Sektempfang ging es zum Dinner, bei dem die örtliche Politprominenz mit Rallyeplaketten ausgezeichnet wurden und unser Kommodore seine Ehrungen entgegen nahm. Die Stadt hat einige historische Bauten, liebenswert ist vor allem die Umgebung.
In Feadosia war wieder das Nachfüllen unseres Dieseltanks erforderlich. Der Tankwagen sollte an die Pier kommen und die Schiffe mit Schlauch befüllen. Leider hat das uralte Gefährt seinen Geist am Beginn des Hafens aufgegeben, das bedeutete für uns wieder einmal Kanister schleppen. Bis die von uns bestellten 300 Liter im Tank waren vergingen viele Stunden. Erst in der Schlange stehen, Kanister mit Handpumpe auffüllen, zum Schiff schleppen, vorsichtig mit einem Trichter einfüllen und das Ganze wieder von vorne.
Um 18:00 Uhr war es dann endlich soweit, daß wir uns auf den Weg nach Novorossysk in Rußland begeben konnten. Für die 120 sm bis in den ersten weißrussischen Hafen rechneten wir bei mittleren Winden von Bft. 3/4 aus S mit ungefähr 24 Stunden.